Ein Ergebnis der Krawalle rund um die EZB in Frankfurt.

Alte weiße Männer

Am vergangenen Montag scannte ich mit zwei jungen Kolleginnen die Sonderbeilage, die Willy Fleckhaus für Die Welt anlässlich des Todes von Konrad Adenauer gestaltet hatte. Wir blätterten durch die Seiten, die großformatig Bilder aus dem Leben des alten weißen Mannes zeigten. Eine Abbildung zeigte drei Männer in einem offenen Fahrzeug, die durch eine jubelnde Menge fuhren. Eher beiläufig fragte ich die Frauen (21 und 25), ob sie die Männer kennen würden. Ich blickte in ratlose Gesichter. »John F. Kennedy? Willy Brandt? Konrad Adenauer?« fragte ich. Achselzucken war die Antwort, eine glaubte, den Namen Adenauer schon einmal gehört zu haben.

Muss man als junger Mensch, der in Deutschland aufgewachsen ist und hier sein Abitur erworben hat, den ersten deutschen Kanzler der Bundesrepublik Deutschland kennen? Einen der Politiker, denen wir heute das Leben in einem geeinten freien Europa verdanken? Sollte man von Brandt gehört haben, dem späteren Kanzler, bei dem ich als erstes an den Kniefall von Warschau 1970 denke, diese historische Geste, die als demütige Anerkenntnis der deutschen Verbrechen an den Juden im Warschauer Ghetto verstanden wurde? Und was ist mit dem jungen amerikanischen Politiker, mit dessen Präsidentschaft so viele Hoffnungen verbunden waren, der das Rennen um die Reise zum Mond eröffnete und die Kuba-Krise und damit die Möglichkeit eines nuklearen Krieges überwand?

Vielleicht ist es zu einfach, diese Fragen rasch mit »Ja« zu beantworten. Wie tief muss der Blick eines am Beginn seines Lebens stehenden Menschen zurück in die Vergangenheit reichen? Sind es 20, 100, 3000 oder gar 50 000 Jahre? Ich spüre ein tiefes Befremden, wenn ich immer wieder erlebe, dass viele junge Frauen und Männer nur noch im Hier und Jetzt zuhause sind. Wir leben in einer Zeit, die angefüllt ist von Nachlässen und Depots, Archiven und Retrospektiven. Das hat auch damit zu tun, dass wir hier in Deutschland seit 77 Jahren im Frieden leben und somit vieles aus dieser Zeitspanne erhalten blieb. Ich verstehe es, wenn darüber eine gewisse Ermüdung gegenüber allem »Vergangenen« eintritt. Und doch ist für mich eine Gegenwart ohne Kenntnis der Vergangenheit nicht denkbar. Dass die Gegenwart auch ganz anders aussehen kann, sehen wir derzeit täglich in den Nachrichten aus der Ukraine, in der die Freiheit der Gesellschaft und des Einzelnen – übrigens überwiegend von weißen Männern – unter Einsatz ihres Lebens mutig und entschlossen verteidigt wird. Wer von Fridays for Future oder der Grünen Jugend würde sich dem Kampf stellen, stünden die russischen Truppen im Osten Deutschlands und stünde Berlin unter Beschuss? Das ist eine Frage, die in einer anderen Nacht beantwortet werden will.

 

»Bis zum Äußersten gehn,
dann wird Lachen entstehn.«
Samuel Beckett


In loser Folge schildere ich unter dem Hashtag #GedankeneinesaltenweißenMannes meine Erlebnisse und Gedanken des vergangenen Tages. Dazu angeregt hat mich das Gespräch mit Anya Schutzbach, die ich am 30. März 2022 nach langer coronabedingter Pause endlich wieder getroffen habe. Wir unterhielten uns über den Zustand der Welt, was uns gerade gedanklich beschäftigt, und über die Veränderungen des Miteinanders und Gegeneinanders in der Gesellschaft.

Kommentare

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