Fick dich ins Knie,
Melancholie

Die Woche war hart gewesen. Die Tage waren geprägt von Routinen und passierten eher, als dass ich sie erlebte. Die Aufgaben waren kräftezehrend, aber unbefriedigend. Sicher geglaubte oder begehrte Aufträge waren abgesagt worden. Spätabends kam ich nachhause, aß Mahlzeiten, die mir nicht schmeckten und trank mehr als mir guttat. Ich legte Platten auf, die Musik nahm ich nicht wahr – erst, wenn die Nadel am Ende auf der innersten Rille hängenblieb und ein rhythmisches Knacken ertönte, weil die automatische Abschaltung am P500 schon lange nicht mehr funktionierte wurde ich daran erinnert, dass ich keine Möglichkeit sah, diesen Defekt zu beheben. Tagsüber sprach ich mit Kunden, mit Kollegen, aber mir wurde schmerzlich bewusst, dass ich über Nichts sprach. Verschwendete Lebenszeit.

Schräg gegenüber von meiner Büroetage im Frankfurter Ostend liegt ein Obdachlosenheim. An den Morgen dieser Tage waren mir auf dem Weg zur Arbeit zwei Männer auf der Straße aufgefallen, die ich bis dahin noch nie gesehen hatte. Einer der beiden saß im Rollstuhl, der andere schob ihn. Beide waren ausgezehrt von Alkohol und Drogen, beide waren extrem mager, sie wirkten verwahrlost, ihre Kleidung war schmutzig. Wenn sie miteinander sprachen, zeigten sie ihre wenigen verbliebenen verfaulten Zähne. Ihr Alter war schwer zu schätzen, sie wirkten greisenhaft, waren aber möglicherweise gar nicht viel älter als ich.

Letzte Nacht habe ich schlecht geschlafen. Ich hatte diesen einen von Zeit zu Zeit wiederkehrenden Albtraum, der mich auch nach dem Wachwerden noch quälte, weil er reale, hässliche Erlebnisse aus der jüngeren Vergangenheit spiegelte. Es regnete. Ich stieg im Halbdunkel in meinen alten Sportwagen und fuhr missgelaunt und mit melancholischen Gedanken über den Main zur Arbeit.

Kurz vor der Ankunft im Büro sah ich die beiden Männer wieder. Beide standen sie völlig durchnässt im kalten Regen am Danziger Platz. Der, der gehen konnte fasste plötzlich an die Griffe des Rollstuhls, in dem der andere saß und gab ihm einen festen Stoß, so dass der Rollstuhl durch eine große, tiefe Pfütze schnellte und das Wasser zu beiden Seiten aufspritzte. Beide Männer lachten hell auf, warfen dabei ihre Köpfe in den Nacken und ihre Gesichter strahlten glücklich. Als der Gehende den Rollstuhl nach wenigen Schritten wieder erreicht hatte, schaute der Sitzende zu ihm auf und sie warfen sich Blicke zu, in denen ich eine tiefe Freundschaft erkennen wollte.

In loser Folge schildere ich unter dem Hashtag #GedankeneinesaltenweißenMannes meine Erlebnisse und Gedanken des vergangenen Tages. Dazu angeregt hat mich das Gespräch mit Anya Schutzbach, die ich am 30. März 2022 nach langer coronabedingter Pause endlich wieder getroffen habe. Wir unterhielten uns über den Zustand der Welt, was uns gerade gedanklich beschäftigt, und über die Veränderungen des Miteinanders und Gegeneinanders in der Gesellschaft.

Kommentare

Ich freue mich über reflektierte Kommentare, originelle Gedanken und absurde Ideen. Also über alles, was über das Äußern eines Ge- oder Missfallens hinausgeht und im unmittelbaren Wortsinn ein Beitrag ist.

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