Hier sieht man die einzige Korrektur, die Siegfried Unseld erbeten hatte, bevor er im September 2000 die Ausstellung Die Lesbarkeit der Welt – 50 Jahre Suhrkamp im Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt am Main für die Öffentlichkeit freigegeben hatte. [Auf dem Rahmen steht eine weitere Heldin: Lara Croft von Bildhauer Peter Sauerer.]

Gut abgeschnitten:
50 Jahre Suhrkamp

Es waren aufregende Zeiten, damals, im heißen Sommer des Jahres 2000. Wenige Tage vor der Ausstellungseröffnung von 50 Jahre Suhrkamp im Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt am Main war mein erster Sohn Paul geboren worden. Die Hebamme im Krankenhaus in Sachsenhausen fragte meine damalige Frau, warum wir ein Familienzimmer gebucht hätten, wenn der Vater ja doch gar nie da sei. Christiane erklärte ihr, dass ich intensiv an der Gestaltung der hier genannten Ausstellung arbeiten würde und daher erst sehr spät in der Nacht käme und im Morgengrauen bereits wieder auf dem Weg ins Büro sei.

Natürlich war kein großes Budget für die Ausstellung vorhanden, wie üblich kamen die Texte für alles viel zu spät, folglich verspätete sich die Produktion der notwendigen Elemente und Module auch dadurch spürbar und der Druck auf alle Beteiligten wuchs von Tag zu Tag. Anya Schutzbach, damals mit der Werbeleitung bei Suhrkamp betraut, hielt die Fäden zusammen und behielt das große Ganze im Blick. Der Abend der Eröffnung näherte sich unbarmherzig. Der sechs Meter große Band der Bibliothek Suhrkamp, den ich extra bauen und auf einen Sockel vor dem Museum montieren ließ, wurde erst wenige Stunden vor der Eröffnung fertig und warb mit dem spektakulären, von Willy Fleckhaus entworfenen Design eindrucksvoll und markant für den Verlag und dessen Rückschau.

Zwei Tage vor der feierlichen Eröffnung rief mich Raimund Fellinger an, um den Besuch von Siegfried Unseld für die Sichtung der Ausstellung am nächsten Abend anzukündigen. Bei dieser Gelegenheit würde er letzte Änderungswünsche nennen. Nach wochenlangen Vorbereitungen für die Ausstellung, Nächten mit äußerst wenig Schlaf und meiner emotionalen Ausnahmesituation ob der Geburt meines Sohnes war ich ausgesprochen nervös, als Fellinger und Unseld im Museum erschienen. Sie betrachteten jede Vitrine, jede Wandbeschriftung, jedes Design lange und ausgiebig. Oft steckten sie die Köpfe zusammen und flüsterten miteinander. Ich wurde zunehmend unruhig, da ich hinter jedem Dialog zwischen den beiden einen Anlass für eine noch in letzter Minute durchzuführende Änderung befürchtete. Etwa eine Stunde verging. Siegfried Unseld wirkte nun sichtlich erschöpft und zog sich zurück. Raimund Fellinger atmete tief durch, kam zu mir herüber und sagte leise: »Herr Wolff, nur eine einzige, kleine Änderung, bitte: Nehmen Sie am Portrait von Ulla Berkéwicz in der Vitrine Der junge Autor unten etwa zwei Finger breit ab, dann ist alles gut.« Als er meinen etwas konsternierten Blick bemerkte, huschte ein kaum merkliches Schmunzeln über sein Gesicht, er strich sich mit der rechten Hand über seinen Schnauzbart, wandte sich um und anderen Dingen zu. Einerseits war ich erleichtert, andererseits neugierig, was es mit dieser unvermuteten einzigen Korrektur auf sich haben könnte. Ich ging zur Vitrine, öffnete sie und betrachtete das Portrait der jungen Autorin. Auch ich konnte mir nun ein Lächeln nicht verkneifen, holte eine Schneidematte, einen Cutter und ein Lineal und trennte die unteren fünf Zentimeter der Schwarzweißfotografie ab.

Mit einem rauschenden Fest wurde am nächsten Abend die Ausstellung eröffnet. Reden riefen die ruhmvolle Geschichte und die daraus erwachsene Bedeutung des Verlages für die Literatur- und Zeitgeschichte in Erinnerung. Verstohlen betrachtete ich von Zeit zu Zeit die Frau an der Seite des großen Verlegers. Noch an diesem Abend, es wird zwischen dem dritten und vierten Glas Wein gewesen sein, beschloss ich, das mir zugefallene Fragment zu passepartourieren und zu rahmen. Seither hängt es hinter meinem Schreibtisch und erinnert mich von Zeit zu Zeit an einen besonderen Abend vor über zwanzig Jahren.

 

»Der Suhrkamp Verlag verlegt keine Bücher, sondern Autoren.«
Siegfried Unseld


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