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Auffälligkeiten

Mausoleum mit drei Streifen

13. Juni 2023

Letzte Woche ging ich morgens zur Tür und setzte mich, um wie gewohnt meine Schuhe anzuziehen. Ich hatte die weißen Adidas-Retrolatschen ausgewählt. Was mich dazu bewog vor dem Anziehen in den Schuh zu schauen, weiß ich nicht. Im linken Schuh lag eine tote Maus, alle Viere von sich gestreckt. Hatte sie sich zum Sterben an diesen ruhigen Ort im Eingangsbereich meines Hauses zurückgezogen? Schien ihr dieser Schuh ein guter, ein geschützter Ort? Wusste sie, dass es ans Sterben ging? Ich brachte sie in den Garten und legte sie dort auf der Wiese ab.

Mäuse hatten immer meine Sympathie. Als Kind hatte ich einen benachbarten Lehrer darauf hingewiesen, dass eine Maus in seine Wohnung gelaufen war und war davon ausgegangen, er würde meine Begeisterung für das an der Wand entlang huschende Wesen teilen. Er suchte und fand die Maus, zertrat sie auf der Stelle mit seiner Holzpantine, dankte mir für den Hinweis und warf sie in den Küchenmüll.

 

Zebrastreifen

24. Dezember 2022

Während die SPD bemängelt, dass der Begriff des ›Fußgängerüberwegs‹ nicht gendergerecht sei, werden anderswo die Zebrastreifen gleich in den Farben des Regenbogens angelegt – nur Schwarz und Weiß scheint inzwischen angreifbar. Obwohl man doch die wunderbar passende Phrase daraus ableiten könnte:»Black and white lifes matter!« Aber der woke Leser würde sofort einwenden: »Asiaten und Native Americans überfahren ist auch nicht ok…« Es wird aber sicherlich nicht mehr lange dauern, bis auch dem Zebrastreifen eine postkoloniale Vergangenheit angedichtet wird und man versucht, ihn aus dem Verkehr zu ziehen.

Mich interessiert allerdings etwas anderes: Wenn ich in meinem Wagen rund um den Schweizer Platz und in den Seitenstraßen unterwegs bin, fällt mir immer wieder dieses Phänomen auf: Ich nähere mich einem Zebrastreifen an, Fußgänger, die noch einige Meter vom Zebrastreifen entfernt sind, sehen mich kommen und beschleunigen plötzlich ihren Gang deutlich um noch vor mir am Straßenrand zu sein und mich damit zum Halten zu veranlassen. Ist es ein Wettlauf? Mit dem ersten Schritt auf die Straße fallen sie in das alte Tempo oder eine noch deutlich trägere Gangart zurück. Der Blickkontakt mit mir, dem Fahrer, wird dabei streng vermieden. Es soll so wirken, als hätte es mit mir nichts zu tun. Ist es ein bewusster Vorgang oder nur Ausdruck des Gehetztseins? Ist es der Wunsch, das Fahrzeug zum Halt zu nötigen, das sonst ungebremst vor dem Fußgänger hätte passieren können? Geht es darum, die Vorherrschaft des Fußgängers vor dem klimafeindlichen Fahrzeug zu demonstrieren? Ist der Vorgang also moralisch grundiert? Hat es damit zu tun, dass mein Wagen ein Oldtimer und ein Sportwagen ist, ist es also eine Form des Klassenkampfs? Oder ist es am Ende nur Ausdruck des alltäglichen Egoismus – homo homini lupus est. Es bleibt mir ein Rätsel.

 

Entgegenkommen

18. Dezember 2022

Noch immer versuche ich mich – vergeblich – daran zu gewöhnen, dass mir auf Fußgängerwegen entgegenkommende Menschen, besonders Paare, die nebeneinander laufen, nicht ausweichen und voraussetzen, dass ausschließlich ich das tue um einen Zusammenstoß zu vermeiden. Als nun etwas Schnee gefallen war und die Fußwege oft nur in schmalen Bahnen geräumt waren, kam es zu einem neuen Phänomen: Üblicherweise weichen wir Mitteleuropäer nach rechts aus, um aneinander vorbeizugehen. Die schneefreien Teile des Weges sind üblicherweise nah an den Häusern, die sie säumen. Ich ging, rechts von mir die Gebäudefront, einen solchen Weg entlang. Männer, Frauen, Paare kamen mir entgegen und ausnahmslose alle wollten links, also zu meiner rechten an mir vorbei, um nicht drei ausweichende Schritte in den Schnee oder aufs Eis machen zu müssen. Meinem Blick wiechen die Entgegenkommenden aus, was ich als Anzeichen deute, dass sie sich ihres schlechten Benehmens zumindest bewusst waren und eine gewisse Scham empfanden.

 

Fußgängerampeln

11. November 2022

Oppenheimer Landstraße, unweit des Lokals Qualitätsecks, morgens 6.45 Uhr. Die Straße ist menschenleer bis auf einen Mann Ende zwanzig, der an der Fußgängerampel stoppt und den Taster betätigt. Kein Fahrzeug weit und breit. Kein Kind, dem der Mann ein Vorbild geben könnte. Der Mann schaut auf sein Handy und wartet. Zwischendurch ein prüfender Blick auf das Lichtsignal der Ampel. Immer noch kein Auto in der Nähe, kein Fahrrad, kein Motorrad, nichts, was seinen Gang über die wenig frequentierte Straße hemmen könnte. Grün. Der Mann schaut kurz auf, geht los, blickt dabei wieder auf sein Handy. Ampeln wurden eingeführt um den Verkehr zu regeln. (Die erste Lichtsignalanlage der Welt wurde am 10. Dezember 1868 in London auf dem Parliament Square aufgestellt. Sie wurde mit Gaslicht betrieben und explodierte nach kurzer Zeit.) Gibt es keinen Verkehr entbehren Ampeln jeder Funktion. Was veranlasst den Mann stehenzubleiben? Ist es der Wunsch, der Ordnung Genüge zu tun, indem er die in diesem Moment nutzlose Regel befolgt? Hat er die Verantwortung über sein Leben bereits so weit abgegeben, dass er das Lebensrisiko in diesem Moment nicht übernehmen möchte? Auch das autonome Fahren wird solche Verhaltensweisen fördern, das eigenständige Denken anfangs be-, später verhindern und die Eigenverantwortung der Menschen für ihr alltägliches Tun weiter untergraben.

 

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