Die ersten 48 Bände der edition suhrkamp.     © Fleckhaus-Archiv, Frankfurt am Main / Carsten Wolff

Der kühl kalkulierte
Rausch der Farben.
Das Design der
edition suhrkamp von
Willy Fleckhaus.

Der nachfolgende Text erschien im Katalog zur Ausstellung Deutsches Design 1949–1989. Zwei Länder, eine Geschichte, die 2021 im Vitra Design Museum in Weil am Rhein gezeigt wurde. Die Ausstellung wird vom 15. Oktober 2021 bis 20. Februar 2022 im Kunstgewerbemuseum, Staatliche Kunstsammlungen Dresden präsentiert. In der Ausstellung ist auch eine Archivalie aus dem von mir betreuten Fleckhaus-Archiv als Leihgabe zu sehen.

Mitte der 50er Jahre begann das Taschenbuch seinen Siegeszug durch die deutschen Buchhandlungen. 1961 war die in weißglänzende Einbände gehüllte Reihe des dtv erschienen, jeder Band geschmückt von einer Zeichnung des Schweizers Celestino Piatti – die Texte waren Lizenzausgaben verschiedener Verlage. Diesem Erfolg wollte Siegfried Unseld, der Leiter des Suhrkamp Verlags in Frankfurt, etwas ambitionierteres gegenüberstellen: »ausschließlich zeitgenössische Literatur, möglichst Erstausgaben, in keinem Fall Lizenzen anderer deutscher Verlage.«1

Mit dem Entwurf betraute er Willy Fleckhaus, der 1959 schon die Bibliothek Suhrkamp erfolgreich mit neuen Umschlägen versehen hatte. Fleckhaus schlug vor, dem dtv mit einem starkfarbigen Design prägnant entgegentreten und Unseld gab ihm auf, sich auf wenige Farben zu beschränken, die die literarische Gattung jedes Buches kenntlich machen sollten. In seinem ersten Entwurf spreizte Fleckhaus die Genrefarben allerdings auf und nutzte den soeben erstmals erschienenen HKS-Druckfarbenfächer mit seinen 48 Farben als Basis: so sollte beispielsweise das Drama die Farbskala zwischen Rot und Orange umfassen, die Epik von Blau bis Violett. Die Vorderseite der Bände prägte ein minimalistischer serieller Raster: Die obere Hälfte blieb leer, die untere Hälfte wurde durch acht feine schwarze Linien gleichmäßig horizontal unterteilt. Zwischen diesen Linien fanden sich Autor, Titel und die Verlagsangabe in der immer selben Schrift und Größe, linksbündig an den Rand des Linienrasters geheftet. Über die Verwendung der Garamond schrieb Fleckhaus später »Sie ist schön, nicht steril, schreit nicht, flüstert nicht. Ist da! Und das genügt! Denn die Musik macht der Regenbogen.«2

Der Entwurf überzeugte, allerdings schien ein Problem unlösbar: die einzelnen Bände einer Gattung würden mit solch großem zeitlichen Abstand erscheinen, dass sich die Reihe im Handel nicht plausibel präsentieren würde, der »Regenbogen« würde nicht als solcher erscheinen. Fleckhaus schlug eine pragmatische, aber auch rigide Vereinfachung vor: Nur der Zeitpunkt des Erscheinens – nicht die Gattung – sollte den Bänden die jeweils nächste Farbe im Spektrum diktieren: »Ich sehe ein endloses Band, (…) selbstverständlich wie die Natur, präzise und schön.«3

Unseld war begeistert und präsentierte den Entwurf dem Lektorat. Mit dem Ausruf »Ostereierfarben!« und dem Hinweis, dass die Farbe des Verlagsgründers Peter Suhrkamp Grau gewesen sei und anspruchsvolle Literatur sich eben so kleiden müsse, wollte ein Lektor den Entwurf stoppen. Doch Unseld ließ sich nicht beirren. Sein Vertrauen zu Fleckhaus, der zu dieser Zeit mit seinem Magazin twen weit über die deutschen Grenzen hinaus für Furore sorgte, war groß. Also erschienen im Mai 1963 die ersten 20 Bände der edition suhrkamp, bis heute ist die Zahl der Titel auf fast 2800 angewachsen. Viele Leser kauften auch Bände, nicht um sie zu lesen, vielmehr um den Bruch des Regenbogens im heimischen Regal zu vermeiden. Wolf D. Rogosky, der berühmte Werbetexter und langjähriger Weggefährte von Fleckhaus, schrieb für meine Monografie des legendären Art Directors 1997 einen Brief, der in dem Postscriptum gipfelte: »Deine Regenbogenreihe steht immer noch; sie ist inzwischen so groß geworden, daß Du sie wahrscheinlich von da oben sehen kannst.«4

 

1 Siegfried Unseld: Der Marienbader Korb. Über die Buchgestaltung im Suhrkamp Verlag. Willy Fleckhaus zu ehren. Hamburg 1976, S. 27

2 Arbeiten aus meiner vielseitigen Tätigkeit. Ein Vortrag von Willy Fleckhaus auf Einladung der Vereinigung der Schweizer Buchhändler, gehalten am 9. November 1973 in der Aula der Kunstgewerbeschule in Basel. Der Text folgt dem Originalmanuskript im Nachlass von Willy Fleckhaus.

3 Siegfried Unseld: Der Marienbader Korb. Über die Buchgestaltung im Suhrkamp Verlag. Willy Fleckhaus zu ehren. Hamburg 1976, S. 8 ff.

4 Fleckhaus. Deutschlands erster Art Director. Carsten Wolff, Michael Koetzle (Hg.), München 1997

Die ersten 48 Bände der edition suhrkamp.     © Fleckhaus-Archiv, Frankfurt am Main / Carsten Wolff

Aus der Beschreibung des Katalogs: DDR-Design aus buntem, billigem Plastik, kühler Funktionalismus in der BRD: Mit solchen Klischees räumt das Buch Deutsches Design 1949–1989. Zwei Länder, eine Geschichte auf. Über 30 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung präsentiert es die deutsche Designgeschichte von der Nachkriegszeit bis zum Fall der Mauer erstmals in einer großen Gesamtschau. Mit über 300 Abbildungen und zahlreichen Beispielen aus Industrie-, Automobil- und Möbeldesign, Mode, Grafik, und Interieur zeigt das Buch die Bedeutung von Design im täglichen Leben auf beiden Seiten der Mauer, seinen Stellenwert beim Wiederaufbau und seine Rolle als Instrument politischer Propaganda im Kalten Krieg. Vorgestellt werden Schlüsselobjekte und Protagonisten – von Dieter Rams oder Otl Aicher im Westen bis Rudolf Horn oder Renate Müller im Osten –, prägende Faktoren wie das Bauhaus-Erbe oder wichtige Institutionen wie die Hochschule für Gestaltung in Ulm. Dabei ermöglicht der Sonderfall der deutschen Teilung einen vergleichenden Blick auf die Rolle von Design in Sozialismus und Kapitalismus: Während es in der BRD zu einem Motor der deutschen Exportwirtschaft »Made in Germany« wurde, sollte es in der DDR der sozialistischen Planwirtschaft dienen und ihre Produkte für breite Bevölkerungskreise erschwinglich machen. Das Buch beleuchtet die unterschiedlichen Lebenswelten in Ost und West, untersucht aber auch die vielen Querbezüge, die das Design in Ost und West verbanden. Eindrucksvoll illustriert es, wie viele Facetten das deutsche Design der Nachkriegszeit hatte – vom Privatraum bis zur Weltpolitik, vom Industrieprodukt bis zu seiner Rolle als Werkzeug des Protests. Mit Beiträgen von Paul Betts, Greg Castillo, Petra Eisele, Siegfried Gronert, Jana Scholze, Katharina Pfützner, Eli Rubin, Katrin Schreiter, Oliver Sukrow, Carsten Wolff und anderen; Interviews mit Prem Krishnamurthy, Renate Müller und Dieter Rams.

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